Zur Geschichte des Altenburger Naturkundemuseums

(Auszug aus Thierfelder, F. : „Zur Geschichte des Altenburger Naturkunde- Museums“, Abhandlungen und Berichte des Naturkundlichen Museums Mauritianum Altenburg Bd. 1, 1958)

Bis 1834

Zu Anfang des Jahres 1817 kamen in Altenburg auf Anregung von Dr. med. Winkler mehrere Freunde der Natur und Heimat dahin überein, eine Gesellschaft für Naturkunde zu gründen, um die Ergebnisse der Naturwissenschaften zu verbreiten und besonders die Naturkenntnis der Heimat zu fördern. Der 2. Juli 1817 ist der Gründungstag der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes. Dr. Winkler überreichte in der ersten Versammlung als  Grundstock zu den Sammlungen einen Menschenschädel und ein präpariertes  Menschenherz und sagte: „Möge es dem Verein nie an Kopf und Herz fehlen!“.

Der Sammeleifer setzte ein. Bald mußte die Gesellschaft daran denken, ein bescheidenes Heim für die Sammlungen zu  suchen. Sie mietete beim Hofkommissar Voigt in der Johannisgasse (jetzt Burgstraße 37) Stübchen mit Kammer. Dieses erste, bescheidene Museum  war zu festgesetzten Stunden den Mitgliedern offen.  Hier sah man:

  • Schmetterlinge und Käfer,
  • Kalkstein von Kosma und Zehma mit versteinerten Muscheln,
  • Amethyste vom Windischleubaer Porphyrbruch,
  • Bernstein von Pöppschen,
  • einen Elefantenzahn aus der Braunkohlengrube von Wiesenmühle
  • und ein Bruchstück von dem Pohlitzer Meteoriten.

Der Raum reichte nicht mehr aus. Ende 1819 erhielt die Gesellschaft einige Räume und sogar ein Sitzungszimmer im sogenannten Kammerhaus neben dem Burgtore. Der Traum war kurz. Als 1826 die Stadt Altenburg wieder Residenzstadt wurde, wurden die Museumsgelasse im Kammerhaus für die Amtswohnung des Hofmarschalls benötigt. Die Gesellschaft mußte umziehen.

Die Sammlungen fanden Anfang 1827 Unterkunft beim Hofglaser Brauer in der Johannisgasse. Die Gesellschaft gestattete älteren Schülern, „Eleven“, die Benutzung des Museums und die Teilnahme an den Sitzungen. Ab 1837 erschienen die „Mitteilungen aus dem Osterlande“. Damit war die Möglichkeit gegeben, wertvolle heimatkundliche Aufsätze in die Öffentlichkeit zu bringen, die Verbindung mit den vielen auswärtigen Mitgliedern zu pflegen und in Schriftenaustausch mit naturforschenden Gesellschaften des Inlandes und Auslandes zu kommen. Diese Verbindungen mit allen Erdteilen kamen auch dem Museum zugute. Durch Geschenke, Kauf und Tausch kamen Naturalien aus aller Welt. Durch „Aktien“ wurden die Reisen von Naturforschern finanziert, dafür erhielt Altenburg Anteil an den Sammelergebnissen der Forschungsreisenden.

Das Museum am Brühl

Im Stadtführer von 1841 heißt es auf Seite 30 bei dem Landesbankgebäude: „Die obere Etage ist der Naturforschenden Gesellschaft eingeräumt“. Am Brühl 7 stand einst das alte Geleithaus, „Abrahams Schoß“ genannt. Es wurde 1830 abgebrochen. An seiner Stelle wurde 1830 – 1832 ein stattlicher Bau für die Landesbank errichtet. Die Gesellschaft begrüßte es freudig, als „höchsten Orts“ genehmigt wurde, die Sammlungen im Oktober 1834 im dritten Geschoß in gut geeigneten Räumen aufzustellen. Wohl wurde mit der Bank ein Mietvertrag abgeschlossen, aber „Miete wurde weder erhoben noch gezahlt“.

Man mag dabei von Protektion oder von Beziehung sprechen, aber die Öffentlichkeit sah in diesem Geschehen nur eine Anerkennung des gemeinnützigen Wirkens der Gesellschaft.

Den Aufwand für Umzug und Einrichtung der neuen Lokalitäten erstattete der Landesherr als „Ausdruck des höchsten Wohlgefallens an der geschmackvollen Einrichtung des neuen Lokals“. Die neuen Räume füllten sich schnell.

Eine Sammlung von 1500 Petrefakten aus Jura und Kreide Süddeutschlands ließ der Herzog aufkaufen und überwies dieselbe der Gesellschaft. Herrmann Schlegel sandte seltene Vögel aus Ostindien. Von Pöllnitz in Oberlödla schenkte seine Raubvogelsammlung. Durch Vermittlung von Missionar Teichelmann erhielt das Museum 336 Vögel aus Australien. Alfred Brehm schickte 35 Vogelbälge von seiner Reise am Nil.

1847 mietete man von Dr. Kirmse einen Raum zur Einstellung von Insektenschränken, 1849 beim Seilermeister Heinke am Burgtor einen weiteren Raum. Da sich diese Örtlichkeiten als ungeeignet erwiesen, wurden diese Bestandteile der Sammlungen in freigewordene Zimmer im Kasino am Rossplan überführt.

Eine wichtige Satzungsänderung.

In den alten Statuten war vorgesehen, dass im Falle einer Auflösung der Gesellschaft deren Eigentum an Sammlungen, Büchern und Apparaten entweder dem Staate zufallen sollte oder zugunsten einer milden Stiftung verkauft werden sollte. Am 1. September 1850 wurde dieser Artikel dahin abgeändert: „Im Falle einer gänzlichen Auflösung der Gesell-schaft soll das sämtliche Eigentum ausschließlich dem Staate zufallen, unter allen Umständen aber lediglich und allein in der Stadt Altenburg als Staatseigentum verbleiben.“

Diese Satzungsänderung wurde am 5. Oktober 1850 von der Regierung genehmigt.

Der Beschluss bedeutete die dankbare Anerkennung der bisher erhaltenen Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln und durch die Landesregierung. Unausgesprochen lag darin auch die Erwartung, daß die Sorge für eine sichere Unterbringung der Sammlung in Zukunft nicht die alleinige Angelegenheit der Gesellschaft sei, sondern auch Sache der Regierung und der Landschaft. Die Regierung hatte damals einen Plan, ein großes Museum für alle gemeinnützigen Vereine und wissenschaftlichen Sammlungen in Altenburg zu erbauen, doch wurde der Plan zunächst zurückgestellt.

Im Jahre 1852 wurde die Lokalfrage wieder einmal brennend. Die Landesbank beanspruchte wegen der Ausweitung ihres Geschäftsbetriebes das dritte Geschoss und forderte die Räumung der bisherigen Museumslokalitäten. Man erwog in der Gesellschaft, das Hagersche Haus im Johannisgraben oder ein anderes zu kaufen. Es wurde beschlossen, die Notlage dem Ministerium und dem Herzog ausführlich darzulegen. So gelang es, den Umzug noch bis 1856 hinauszuschieben.

Die Sammlung in Privathäusern 1856 – 1865

Die Aufgabe der Räume am Brühl ist der Gesellschaft schwer gefallen. Ein gleichwertiger Ersatz war nicht zu bekommen. So mußten die Sammlungen wieder getrennt und unzugänglich untergebracht werden. Rat Zinkeisen stellte in seinem Hause (Langengasse 23) Paterreräume zur Verfügung. Vom Bäckermeister Werner, Ecke Breitengasse – Kornmarkt mietete man eine Etage für die Vogelsammlungen und die Bücherei.

Bald kamen Klagen über die feuchten und zu kleinen Räume. So heißt es 1862: „Die Vermehrung der Sammlungen ist gering geblieben, weil es der Gesellschaft an Raum mangelt, dieselben unterzubringen“. Die Raumnot und der unerfreuliche Zustand der Sammlungen lähmte die Arbeit in der Gesellschaft. Dazu kam der Verlust von Mitgliedern, die sich als Träger des wissenschaftlichen Lebens, als begeisterte Sammler, große Könner und Forscher erwiesen, die interessante Vorträge gehalten und die Aussprachen belebt hatten. Die Gesellschaft gab 1869 sogar ihre Zeitschrift auf.

Das Museum wieder am Brühl 1856 –  1876

Für die Bedürfnisse der Altenburger Landesbank wurde 1862 – 1865 an der Burgstraße ein großes, ansehnliches Gebäude errichtet. Die Regierung gab 1865 der Naturforschenden Gesellschaft die Zusicherung, dass die naturwissenschaftlichen Sammlungen in einem geplanten Museum eine bleibende Stätte finden würden. Wichtiger als diese Aussicht für die Zukunft war die Zustimmung der Behörden, dass die Sammlungen und die Bücherei ab 1865 wieder in die „alte Landesbank“ überführt werden konnten.

Im Landesmuseum 1876 –  1908

Die Landschaft genehmigte die Mittel zur Errichtung eines Landesmuseums, das 1873 – 1875 im unteren Teil des Schlossgartens, an der Straße nach Leipzig, erbaut wurde. Es war für die Kunstsammlungen Bernhard von Lindenaus und für die Sammlungen und Bibliotheken der Naturforschenden und der Altertumsforschenden Gesellschaft vorgesehen. Die Regierung stellte im Obergeschoss einige Räume der Naturforschenden Gesellschaft zur Verfügung. Die Freude war nicht ungetrübt, denn für die Bücherei war kein Platz. Sie kam zunächst in eine Bodenkammer im Amtsgericht, dann in einen ungeeigneten Raum in den Roten Spitzen; aber 1881 konnte sie im Anbau der alten Brüderkirche übersichtlich vom Apotheker Stoy aufgestellt werden. Durch Neuanschaffungen, Geschenke und die Tauschschriften hatte die Bibliothek einen Bestand von rund 10.000 Bänden erreicht. Als 1902 die Brüderkirche für einen Neubau abgebrochen wurde, wurde die Bücherei zunächst in das sogenannte Josephinum verlegt, kam dann bis 1909 in das alte Seminargebäude (jetzt Staatliche Grundschule Karolinum) und wieder zurück in das Josephinum. Es ist begreiflich, dass die räumliche Trennung von Museum und Bücherei die Arbeit der Gesellschaft ungemein belastete.

Die Sammlung im Landesmuseum (es wurde seit 1920 als Lindenaumuseum bezeichnet) fanden wegen ihres Reichtums an schönen Naturalien bald wieder ein starkes Interesse. Sie bekamen neue Anziehung durch Geschenke. So stiftete der Porzellanmaler Hensel 34 Kästen einheimischer Schmetterlinge und schenkte Hugo Köhler 150 Kästen farben-prächtiger, meist ausländischer Falter. Die geologische Landesaufnahme und der Bergbau bereicherten die erdgeschichtlichen Sammlungen. Man klagte bereits 1892 über eine Überfüllung der Sammlungsräume und gab Doubletten an die Schulen ab.

Das Naturkundemuseum Mauritianum seit 1908

Das Landesmuseum konnte um die Jahrhundertwende den Zuwachs seiner Abteilungen nicht mehr aufnehmen. Zumal die Hauptabteilung Kunst nicht mehr in der Lagewar, ihren Zugang an Gemälden älterer und neuer Zeit auszustellen. Da machte die Regierung den Vorschlag, Teile der naturwissenschaftlichen Sammlungen im alten Seminargebäude unterzubringen, fand aber bei der Naturforschenden Gesellschaft keine begeisterte Zustimmung, sondern eine gut begründete Ablehnung. Die Regierung stellte darum im Landtag den Antrag, Mittel für den Bau eines besonderen naturkundlichen Museums bereitzustellen. Der Landtag stimmte zu. Der Herzog stellte den Bauplatz im Schlossgarten zur Verfügung. Unter Berücksichtigung der vorhandenen Sammlungen (an die Zukunft hatte man wohl der Kosten wegen nicht gedacht) entwarf Baurat Wanckel als Plan einen schmucken Barockbau, der 1907 und 1908 zur Ausführung kam.

Am 1. November 1908 wurde das Mauritianum, das „Museum für Naturkunde und Völkerkunde“, feierlich eröffnet. Die völkerkundliche Sammlung war ein neuer Anziehungspunkt im Mauritianum geworden, wirkte aber als Fremdkörper und beanspruchte viel Raum. Und Raum war hier Mangelware, es fehlten Magazin- und Arbeitsräume, es fehlte eine Wohnung mit einem hauptamtlichen Verwalter, und damit entbehrten die Sammlungen einer ständigen Überwachung und wissenschaftlichen Bearbeitung. Es fehlte die Bücherei, es fehlte zudem ein regelrechter Etat, der eine Planung auf weite Sicht gestattet. So wurde das ganze Museum zu einem überfüllten Schaumagazin ohne große Möglichkeiten zum Wachsen.

1905 – Enst Kirste als Rektor berufen

Seit Oktober 1905 lag die Verantwortung für die Sammlung und die Bücherei auf dem Rektor Ernst Kirste. Er war in seinem Lehrerberuf voll ausgelastet, stand durch seine Vorträge in der Gesellschaft, bei den Geologen und Pädagogen in hohem Ansehen, verfasste eine ganze Reihe wertvoller wissenschaftlicher Arbeiten und leitete dazu seit 1923 die Altenburger Wetterwarte. Kirste und Mauritianum war bei der Altenburger Bevölkerung und bei den Natur-wissenschaftlern fast ein Begriff geworden. Ernst Kirste starb am 7. Februar 1955. Auch Hugo Hildebrandt, der Ornithologe von Altenburg, verdient hier eine ehrenvolle Erwähnung. Er war seit April 1906 Kustos der Vogelsammlung. Beide, Kirste und Hildebrandt, waren ehrenamtlich tätig. Die Zeit von 1914 bis 1945 mit den beiden Weltkriegen ging nicht spurenlos am Mauritianum vorbei. Es fehlte an Heizung, Lüftung, Aufsicht und Pflege. Zweimal wurde eingebrochen. Mit der Auflösung der Naturforschenden Gesellschaft im Jahre 1945 ging das Eigentum der Gesellschaft in die Hände des Staates. Die Bücherei wurde leider nicht als Bestandteil des Museums anerkannt. Ihm wurde nur eine bescheidene Handbücherei belassen.

1954 – Horst Grosse als Leiter des Mauritianum berufen

Im Jahre 1954 bekam das Mauritianum einen Stellenplan für hauptamtliche Mitarbeiter. Am 1. Mai 1954 wurde auf Vorschlag von Rektor Kirste Horst Grosse als Leiter des Mauritianums berufen. Bei einer Überprüfung waren ernste Schäden an Schmetterlingen, Vögeln und Flüssigkeitspräparaten festgestellt worden, die auf Feuchtigkeit, Schädlinge, mangelnden Lichtschutz u. a. m. zurückzuführen waren. Moniert wurden weiter das Fehlen eines allgemeinen Bestandsverzeichnisses, das Fehlen hauptamtlicher Museumskräfte und die Belastung des Naturkundemuseums durch die völkerkundliche Abteilung. Diese war zum Teil ausgelagert (im Schloss), zum Teil stand sie in Kisten verstaut auf dem Boden – ohne Pflege und Wartung. Ein Ausweg musste gefunden werden. Mit Genehmigung des Kreises kam die ethnographische Sammlung für 25 Jahre als Leihgabe an das Museum für Natur- und Völkerkunde in Wittenberg. Das Museum „Julius Riemer“  übernahm die Verpflichtung, alle Objekte zu reinigen, zu restaurieren, sicher  unterzubringen und in ständiger Pflege zu halten.