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In der neuen Ausstellung zu Australien sind auch vier Hörstücke von Traumzeitgeschichten zu hören. Traumzeit, was ist das?

Weltanschauung und Gedankenwelt der Ureinwohner Australiens sind von der Überzeugung geprägt, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine untrennbare Einheit bilden. Die Vergangengheit umfasst die Schöpfungs- und Schaffungsphase der Kulturheroen und Ahnenwesen in einer mythischen Urzeit. Die Traumzeitwesen wanderten in göttlicher, menschlicher, tierischer oder tiermenschlicher Gestalt über das Land und schufen Berge, Bäume, Wasserlöcher usw.. Auf ihrer Wanderschaft hatten sie die verschiedensten Erlebnisse, vollführten Zeremonien und Rituale an bestimmten Stellen und gingen endlich in die Erde ein oder in spezifische Naturerscheinungen, die sie geschaffen haben.

Die Erzählungen aus der Ära der Traumzeit sind die gemeinsame Referenz aller Aborigines zur Schöpfung der Weltordnung. Ihnen allen ist die Vorstellung eigen, dass die Welt am Anfang ihrer Existenz leer war. Diese wurde dann auf ganz unterschiedliche Weise geformt.

Kann man also von einer gemeinsamen Traumzeit auf einem riesigen Kontinent ausgehen?

Nein, im Detail betrachtet variieren unter den Gruppen die Mythen, mal sind es götterähnliche Gestalten, mal Kulturheroen. Fast immer kommen diese Wesen vom Wasser her aufs Land und ziehen dann in unterschiedlicher Gestalt über den Kontinent. Dadurch entstehen Traumzeitpfade. Diese Traumzeitpfade enthalten Geschichten, die von den unterschiedlich geographisch verteilten Gruppen jeweils besessen und erzählt werden.

So schafft also die Traumzeit auch Gemeinsamkeiten über die Gruppen hinweg?

Genau, nur das Zusammenkommen aller Vertreter eines gemeinsamen Traumzeitpfades ermöglicht, dass die Traumzeitgeschichten auch im Gesamten erzählt und dargeboten werden. Sie werden immer dann erzählt, wenn in einem Glied der Kette ein Mangel behoben werden muss. Dürre, das Ausbleiben von Jagdtieren, ganz unterschiedliche Mangelerscheinungen können dazu führen, dass alle Traumzeitpfadmitglieder sich an einem Ort versammeln, damit das Erzählen der Traumzeitgeschichte die ursprünglichen Eigenschaften des Ortes wiederherstellt. Die Traumzeitgeschichten verleihen mit ihrem mythischen Potential dem Ort wieder seine ursprüngliche Substanz.

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Warum gibt es diese Mythen heute noch, wo doch fast alles aus der Kultur der Ureinwohner ausgelöscht wurde?

Die Traumzeit ist für die Ureinwohner Australiens die alles erklärende Instanz ihrer Existenz und wird durch Rituale und Zeremonien wieder erlebbar gemacht. Die Geschichten von der Traumzeit überliefern Ereignisse, Namen der Ahnen, Bezeichnungen der Plätze, an denen sie gewirkt haben oder Zeremonien, die sie begründet hatten. Durch die Wiedererzählung der Traumzeitgeschichten werden Gesänge, Tänze, Symbole immer wieder erneuert und in die Zukunft tradiert. Wer diese vergisst, der kann auch nicht mehr als Gruppenmitglied zählen. Im Zuge der Renaissance der Ureinwohnerkulturen sind also die Traumzeitgeschichten eine zentrale Instanz.

Und wo bemerkt man diese Renaissance am stärksten?

Das wichtigste Ereignis für die Tradierung der jeweils eigenen Traumzeitgeschichte sind die Initiation von Kindern zu Jugendlichen und Jugendlichen zu Erwachsenen. Während der Lebensweg dieser Initianden in die Zukunft weist, erfahren sie durch die Traumzeit eine Rückkehr zu den Anfängen. So ist das Leben der Aborigenes nicht eine Achse, an der man sich nur in die Zukunft orientiert, sondern es ist mit allen unleugbaren Veränderungen eine ständige Rückkehr in die Traumzeit, durch die sich der Kreis der Geschichte immer wieder schließt.

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Das Mauritianum sendet ein Journal, in dem in unregelmäßigen Abständen Interviews, Journalbeiträge und andere Dinge rund ums Museum zur Sprache kommen.

Hören Sie Folge Eins, hier ist Jennifer Barschinski zu Gast, die für das Mauritianum nach Australien reiste.

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